Alternativ Nobelpreisträger Dr. Hans Rudolf Herren lobt Uwemba-Pastilles

«Mit Afrika kann es nur aufwärts gehen»

Hans Rudolf Herren ist der erste Schweizer, der den Alternativen Nobelpreis gewinnt. Der Agrarwissenschafter über Afrika, Landwirtschaft und Ernährung.

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Hans Rudolf Herren, Sie haben für Ihren Einsatz gegen Hunger und Armut den Alternativen Nobelpreis gewonnen. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Er ist für mich eine Anerkennung und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es war nie einfach, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, denn wir schwimmen gegen den Strom und die dominierenden grossen Konzerne wie Novartis, Roche und Syngenta in Basel oder Monsanto in den USA.

Sie sagen, dass 2050 jeder mit genügend gesunder Nahrung versorgt werden kann und plädieren für einen radikalen Kurswechsel hin zu einer ökologischen Landwirtschaft.

Genau. Die konventionelle Landwirtschaft ist nicht nachhaltig, weil sie mehr Kalorien braucht, als sie produziert, und stark zum Klimawandel beiträgt. Wir müssen vielfältigere Nahrung produzieren. In Brasilien und in den USA beispielsweise werden vor allem Mais und Soja angebaut. Dies ist für die Bevölkerung nicht gesund, was wiederum die Gesundheitskosten stark erhöht.

Bis 2050 wird der Fleischkonsum überproportional ansteigen. Liegt das Problem hungernder Menschen nicht an den veränderten Ernährungsgewohnheiten und dem Bevölkerungswachstum?

Selbstverständlich ist etwa der wachsende Fleischkonsum in China enorm. Aber das Problem des Hungers ist oft der Nahrungszugang. Die bis dann zehn Milliarden Menschen weltweit könnte man gut ernähren, wie das Beispiel In­dien zeigt: Indien hat unter den Kindern weltweit die grösste Unterernährungsrate, obwohl im Land Überschüsse produziert werden. Wir wissen schon lange, dass wenige Investitionen die Erträge im Süden verdoppeln würden.

Von welchen Beträgen reden wir?

Schon die Hälfte aller weltweiten Agrarsubventionen könnte auf globaler Ebene ausreichen, also etwa 140 Milliarden Dollar. Eine nachhaltige Landwirtschaft würde für zusätzliche Arbeitsplätze und produzierte Kalorien sorgen, die Waldrodung um 50 Prozent vermindern, den Wasserverbrauch um 30 Prozent und die Qualität des Bodens um 30 Prozent verbessern.

Sie sind ein Gegner der Gentechnik. Warum ist sie keine Lösung?

Kurzfristig kann man beim Anbau damit etwas erreichen. Aber schon nach ein paar Jahren kommen andere Schädlinge. Und genveränderte Pflanzen benötigen mehr Wasser und Dünger.

Transgener Reis, der mit Vitamin A angereichert ist, könnte aber das Problem der Unterernährung beheben.

Das ist der gleiche Blödsinn wie die Gentechnik. Weshalb wollen wir, dass die Asiaten nur Reis essen mit Vitamin A? Böden und Menschen brauchen Abwechslung. Zudem ist bei Gentechpflanzen der Samen teurer. Lokale Reissorten sorgen für die gleich grossen Erträge wie die besten der Hybriden.

Sind Produkte der Basler Chemie für Sie nur des Teufels?

Es gibt seltene Fälle, bei denen man Pestizide einsetzen kann, etwa bei speziellen Wetterbedingungen. Aber zuerst muss alles beim Anbau und der Fruchtfolge stimmen — etwa ein Jahr Kartoffeln, dann Erbsen und dann Roggen pflanzen. Zudem bietet die Natur selbst immer wieder Lösungen an, Pflanzenextrakte als Entwurmungsmittel etwa.

Das Malariaproblem hätte man schon längst lösen können.

Sie haben 27 Jahre in Afrika gelebt und geforscht. Weshalb kommen grosse Teile der Afrikaner noch immer nicht aus der Armut raus?

(seufzt) Armut gibt es nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten. Wieso zieht die Bevölkerung in die Städte? Weil man auf dem Land nicht in bessere Produktionsmethoden oder Maschinen investiert. Die Landwirtschaft wird von den lokalen Regierungen und in der Entwicklungszusammenarbeit nicht als Priorität eingestuft.

Und warum ist das ein Fehler?

Vor 30 Jahren ging die Bedeutung der Landwirtschaft zurück. Es wurde in Soziales investiert, und dabei hat man vergessen, dass die Landwirtschaft der Motor der Armutsbekämpfung ist. Heute kommen die Produkte in den afrikanischen Supermärkten aus Südafrika, Europa oder China. Das wurde mit der Handelspolitik gefördert.

Das ganze System ist krank?

Schon lange. Wir sollten uns überlegen, wo wir Menschen ansiedeln, wo wir Industrie und wo wir Landwirtschaft betreiben wollen. Das gute Land muss für die Landwirtschaft reserviert werden.

China investiert in Afrika grossflächig. Ist das nicht auch ein Problem?

Nicht nur die Chinesen, auch Schweizer oder Norweger kaufen Land auf. Wir müssen den Lokalen eine Chance geben, ihr Land zu bebauen.

Wie können Sie gegen diese Entwicklung ankämpfen?

Wir machen Lärm und sagen, dass der Landkauf nicht richtig ist. Man könnte beispielsweise im Südsudan Land abstecken und lokale Bauern ansiedeln und ausbilden. Weshalb dafür nicht von aussen Kapital einführen?

Nachhaltigkeit ist für die Industrie langfristig kein Geschäft.

Was halten Sie von Entwicklungshilfe?

Sie funktioniert nur, wenn Einheimische selbst entscheiden, was sie mit dem Geld machen wollen. Heute sagen die Industriestaaten leider noch immer, wohin das Geld gehen soll. Diese Bevormundung steht dem Erfolg im Weg.

Welche Zukunft sagen Sie dem schwarzen Kontinent voraus?

Mit Afrika kann es nur aufwärtsgehen. Der Trend geht in die richtige Richtung.

Jährlich sterben allerdings noch immer über eine Million Afrikaner an Malaria. Kann man das Fieber je ausrotten?

Das Malariaproblem hätte man schon längst lösen können. Es ist ein Skandal, dass man nicht anders vorgegangen ist. Das Problem wird immer aus medizinischer Sicht betrachtet. Milliarden werden in Impfstoffe gesteckt, obwohl die Mücke die Ursache ist. Man kann ewig Bettnetze und Medikamente verteilen. Man müsste integrierter arbeiten.

Das heisst?

Zuerst müssten die Mückenlarven bekämpft werden, und zwar nur dort, wo die Menschen wohnen. Larven in der Wildnis ohne Menschenkontakt können kaum Malariaträger sein. Und 90 Prozent der Malariamücken fliegen um die Hütten herum. Um diese Mücken auszurotten, müsste man das stehende Wasser mit dem biologischen Produkt BT anreichern. Und wenn man dann die restlichen Malariakranken behandelt und damit den Parasiten eliminiert, bricht das System Malaria zusammen.

Weshalb werden die Larven nicht getötet?

Da sind enorme Interessen im Spiel. Man will das Problem ganz einfach nicht lösen, weil Bettnetze und Impfstoffe ein riesiges Geschäft sind. Die Industrie wird sich auch in Zukunft nicht für Nachhaltigkeit interessieren, weil diese für sie langfristig kein Geschäft ist.

Die Pharmaindustrie kann doch gar kein Interesse haben, weil es keine Impfungen gegen Malaria gibt.

Ja, das stimmt. Aber die Gates Foundation beispielsweise gibt jährlich um 50 Millionen Dollar aus, um ein künstliches Bakterium, eine Prophylaxe, produzieren zu lassen. Dabei hat der Baselbieter Werner Spitteler aus der Artemisia-Pflanze ein erschwingliches Naturheilmittel entwickelt, das gegen Malaria wirkt. Meine Kinder und ich hatten es selber während unserer Afrika-Zeit eingenommen. Nur will es die WHO nicht als Produkt gegen Malaria anerkennen. Würde man diese Pflanze im Hochland von Kenia auf 2000 Hektaren anbauen, könnte man damit die gesamte Bevölkerung Afrikas behandeln.

Das HIV-Problem liesse sich ebenso einfach lösen?

Das ist komplizierter, weil die Aufklärung der Menschen eine Rolle spielt. Allerdings gäbe es ebenfalls Naturheilmittel, die gegen HIV eingesetzt werden könnten. Aber auch hier werden diese von den Konzernen und Organisationen auf die Seite geschoben.

Sie zeigen sich voller Tatendrang. Was treibt Sie immer wieder an?

Bis all diese Probleme gelöst sind, arbeite ich, solange ich kann. Ich habe schon ein paar Mal gedacht, dass ich mich auf meinen kleinen Rebberg in Kalifornien in der Nähe des Napa Valleys zurückziehe. Doch ich weiss genau: Wenn ich dort zwei Woche verweile, will ich wieder die Welt retten (lacht).

Bekannt wurden Sie mit der biologischen Bekämpfung der Maniok-Schmierlaus. Sie führten Schlupfwespen aus Südamerika nach Afrika ein. Das hätte auch schiefgehen können.

Wir haben die Wespen in einer Quarantäne in London gehalten und ihr Verhalten genau untersucht. Erst als wir sicher waren, dass das Prinzip funktionieren würde, setzten wir sie in Afrika frei.

Das sagen Gentechniker bei einem Freisetzungsversuch auch …

Tatsächlich haben sich die Wespen schon sehr stark vermehrt (lacht). Aber das Prinzip ist ein anderes: Wenn die Wespen keine Nahrung mehr finden, sterben sie, und das natürliche Gleichgewicht stellt sich wieder her.

Werden Ihre Kinder Ihre Projekte weitertragen?

Am ehesten kommt dafür meine Tochter Gisèle in Frage. Sie ist Wurmspezialistin in der Landwirtschaft, der jüngere Sohn Jeremy ist Mediziner und hat über Fruchtfliegen geforscht, der ältere arbeitet in der Computerwissenschaft. Alle sind in Afrika aufgewachsen und haben den Afrika-Virus in sich, wollen also wieder nach Afrika.

Wie sieht Ihre Arbeitswoche aus?

Ich lebe quasi im Flugzeug und pendle zwischen Washington, D.C., Zürich und Rom, wo meine Frau wohnt und arbeitet und verschiedene Gremien wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) zu Hause sind. Momentan bin ich sehr stark involviert in der Umsetzung der globalen Millennium-Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die 2015 ablaufen. Kein Land hat sämtliche Ziele erreicht. Noch immer gibt es beispielsweise weltweit 840 Millionen Menschen, die hungern müssen.

Was schlagen Sie für die Zukunft vor?

Unsere Stiftung Biovision will dafür sorgen, dass die Ziele in der Zeit von 2015 bis 2030 erreicht werden. Ich bin in weit über der Hälfte meiner Zeit in Meetings und Diskussionen zum Thema Ernährung, Landwirtschaft und Armut. Dem Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hab ich einen Bericht über den heutigen Zustand der Landwirtschaft geschrieben und in welche Richtung sich diese bewegen soll. So können wir die höchsten Gremien der Weltpolitik beeinflussen.

Sie müssen wie David gegen Goliath kämpfen. Was machen Sie, um nicht zum Pessimisten zu werden?

Der Erfolg motiviert. Wenn man will, gibt es für alles eine Lösung. Der Alternative Nobelpreis muntert mich auf und zeigt mir den Weg.

www.biovision.ch